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November 30, 2011 / wirkollegen

Verdächtig

Unsere Schule wird in den nächsten Jahren auf ein reformpädagogisches Konzept umgestellt.  Dieser Prozess ist nicht nur angedacht, sondern hat schon begonnen.
Wir bekommen bald einen neuen Schulleiter.  Die Schulkonferenz hat getagt – die Personalie steht fest.
– Und, willst du eigentlich die Schule wechseln?
– Nein.
– Warum eigentlich nicht? Das neue Schulkonzept siehst du doch eher skeptisch?
– Ich schätze den Parkplatz. … Und den kurzen Arbeitsweg.
– Und das Reformvorhaben?
– Na, man wird sehen  … klappt ja jetzt schon nicht.
– Hm, aber es gibt doch Schulen, wo es funktioniert.
– Wo denn?
– Na zum Beispiel xxx oder yyyy ….
– Aber da sind doch ganz andere Bedingungen, kann man doch nicht vergleichen.
– Naja, aber der neue Schulleiter, der kommt von einer Schule, die hat noch nicht mal eine gymnasiale Oberstufe, 85 Prozent Schüler nichtdeutscher Herkunft … und es läuft gut …
– Und warum will er dann da weg, wenn es so schön ist?
– Na ist ja bisher noch kein Schulleiter, aber hat gehört, dass wir etwas ähnliches aufbauen wollen … und er will mit den bisher gemachten Erfahrungen durchaus die Chance nutzen, diese weiterzugeben und etwas Eigenes aufbauen …
– Nee, wenn der da weg will,  das ist komisch, wenn das gut läuft,  … Leute mit Sendungsbewusstsein sind mir suspekt.
– Aber der will uns ja nicht überzeugen, sondern kommt nur, weil wir genau das ja schon in Planung haben.
– Ich finde das komisch.
Wäre ein Schulleiter besser, der kommt, weil es ihm an seiner alten Schule nicht gefällt?
Wäre ein Schulleiter besser, der keine konkreten Erfahrungen bei der Gestaltung von Veränderungsprozessen hat?
Vielleicht.
Denn dann kann man sagen, hab ich ja schon vorher gewusst —- —- wenn’s nicht funktioniert.
November 22, 2011 / wirkollegen

Eltern fordern: Schüler fördern!

„Unterricht ist hochwertig, wenn jedes Kind die Chance hat, alle seine Fähigkeiten und Anlagen ohne Druck und Angst optimal zu entwickeln. Hochwertiger Unterricht bietet durch die Vielfalt der Aufgaben und die Unterschiedlichkeit der Kinder eine Fülle von Lernanreizen. Jedes Kind hat Begabungen. Hochwertiger Unterricht macht etwas daraus“, heißt es in einer nun veröffentlichten Resolution des Bundeselternrates.

(Quelle)

Ja, dass kann man sofort unterschreiben.  Und daraus leiten sich berechtigte Forderungen der Eltern ab:

Lehrer müssen mit Vielfalt umgehen können.  Die Lehreraus- und -fortbildung muss auf dem aktuellen Stand der Forschung sein. Die Lehrerfortbildung muss verpflichtend sein und sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kinder und der Lehrer orientieren. Lehrer müssen unterschiedliche Unterrichtsmethoden kennen und anwenden können. Die Unterrichtsqualität muss regelmäßig geprüft werden. Alle Lehrer brauchen sonderpädagogische Grundkenntnisse. Die sächliche, räumliche und personelle Ausstattung muss deutlich besser werden. Lehrer müssen Verantwortung für das Lernergebnis ‚ihrer‘ Kinder übernehmen.

In Berlin sieht es aber so aus, dass für bestimmte Fächer Lehrermangel herrscht. Beispielsweise Physik, auch Musik (kling so ähnlich, interessiert aber noch weniger). Die noch frei umherschwirrenden Lehrkörper werden dann auf Castingveranstaltungen angepriesen und haben natürlich die Wahl, an welche Schule sie gehen, Mangelware ist begehrt. Schulen in wenig attraktiven Gegenden (man kann auch sagen sozialen Brennpunkten) werden aus verständlichen Gründen dann eher gemieden. Logisch. Und dort fehlen Lehrer. Womit werden die Löcher gestopft? Mit PKB-Kräften , mit Quereinsteigern und auch Referendare werden nicht weggeschickt. Und genau diese Menschen, die (das ist nun kein Vorwurf) keine pädagogische Ausbildung haben, werden nun vor die Klasse gestellt. Wer soll sie anleiten? Keiner. Denn der Rest des Kollegiums ist auch voll im Plan. Ratschläge gibt’s dann mal im Gang in der Pause so nebenbei. Die Eltern wissen i.Ü. nicht, welchen Status der Unterrichtende hat.

Die Eltern fordern  zu Recht, dass jeder Lehrer sonderpädagogische Grundkenntnisse haben soll. Allerdings ist die Situation derzeit so, dass die Kinder noch nicht einmal die Förderung erhalten, die Ihnen zusteht. Es knirscht wesentlich grundlegender in der Bildungslandschaft. Unterricht abdecken – diese Minimalforderung wird nicht erfüllt. Aber wenn DAS schon nicht gewährleistet wird …

November 21, 2011 / wirkollegen

J-Kinder

Sie sind wieder da.
Und ich weiß,  dass sie in 5 Monaten wieder verschwunden sind. Sie treten vermehrt ab November auf und halten sich dann hartnäckig, bis wieder wärmer wird. Fluchtbereit sitzen sie die gesamte Unterrichtsstunde hinter ihren Bänken: die J-Kinder, also Jacken-Kinder.

Es würde mich freuen, wenn es zu diesem Phänomen nachvollziehbare Erklärungen gibt, vielleicht liefert ja der ein oder andere Leser eine. Mich erfüllt es mit einer gewissen Ratlosigkeit. Beschreiben wir das Phänomen genauer:

Jungendliche erscheinen in den Wintermonaten mit einer durchaus der Witterung angemessenen Kleidung in der Schule: dicke Jacke, Mütze, Schal oder Tuch, gerne auch Handschuhe. Nach Betreten der Unterrichtsräume wird die wärmende Hülle allerdings keinesfalls abgelegt (und nein, es handelt sich nicht um eine Schule im Winter 1946). Handschuhe werden gerne anbehalten – auch beim Schreiben. Wenn man ein Mädchen ist, hält man zudem seine TussenSchultasche mit den Händen fest auf dem Schoß. Falls die Tasche eine Umhängetasche ist,  natürlich umgehängt. So sitzt  schwitzt man dann die Unterrichtsstunde  auf seinem Platz vor sich hin.

Kann das schön sein? Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, aber man muss ja nicht mehr alles verstehen, was die Jugend so an Innovationen bereit hält. Wird ein J-Kind gebeten, die Draußenkleidung doch bitte abzulegen, wird jedes Unterrichtsfach kurz zum Deutschunterricht, Einheit „Die mündliche Diskussion“. Ermüdend ist allerdings, dass die Bandbreite der Argumente  recht gering ist:  „Mir ist kalt.“ Mehr kommt nicht.

Falls man ein J-Kind (besonders ein weibliches) dazu bewegt hat, seine Jacke doch abzulegen, fühlt es sich danach regelrecht nackt. Wirklich! Es fühlt sich wirklich unwohl. Allerdings kann ich mich meist ganz gut daran erinnern, wie das betreffende J-Kind im Sommer erschienen ist: da habe ich mich unwohl gefühlt. Hm.
Es sind auch nicht alle Kinder der Klasse J-Kinder, nein. Aber es sind die etwa 30 Prozent, die zu jeder Jahreszeit 90 Prozent der Aufmerksamkeit der Lehrer beanspruchen.

Dickbejackte Schüler sagen uns etwas: Ich will nicht hier sein. Komme gar nicht erst an.  Ich schütze mich. Ich will hier raus, schnell – immer zur Flucht bereit.

November 20, 2011 / wirkollegen

I-Kinder

Sie sind da.
Sie waren natürlich schon immer da, aber nun kommen auch immer mehr zu uns. Vorher waren sie meist an Förderschulen, nun werden diese geschlossen und sie sind auch bei uns, die I-Kinder – nach der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, nach der Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen jetzt einen Rechtsanspruch auf inklusive Bildung haben.

Wie ein Kollege treffend in der Raucherecke feststellte: unser Sprachgebrauch ist manchmal reichlich unsensibel, ja die liebe Sprachökonomie und der berufsmäßige Tunnelblick. Es ist nicht so geneint, wie es klingt, die Integrationskinder sind natürlich willkommen.
Aber wie sieht es mit dem Recht auf entsprechende Förderung aus? Recht gibt es – Förderung nicht, zumindest nicht bei uns, man kann ja nicht alles haben, vielleicht reicht ja auch das Recht, oder?

Klugerweise hat man in einige der 7. Klassen die Förderkinder konzentriert integriert – weil, kann man ja dann gezielter fördern. Bei dieser Idee blieb es aber dann. Denn was braucht man? Richtig. Personal! Und das fehlt schon mal so oder so -sprich, der reguläre Unterricht kann schon mal nicht abgedeckt werden, weil irgendwie Lehrer fehlen. Es gibt Fächer, die werden in ganzen Jahrgängen nicht erteilt. Geht nicht? Doch! Aber egal – ich schweife ab.
Also tolle Idee: mehrere Integrationskinder in eine Klasse, weil dann tolle Förderung. Aber nun? Keine Doppelsteckung in keiner Stunde und auch sonst keine Unterstützung der unterrichtenden Lehrer. Klasse voll, also 25-26 Schüler und fröhlich jeder alleine – man ist ja Pädagoge, oder? Kann ja nicht so schwer sein. Ein Sonderpädagoge an der Schule? Vielleicht fährt jeden Morgen einer dran vorbei und seine Aura färbt ein wenig ab, das war’s dann aber auch. Natürlich stehen jedem I-Kind 3 Wochenstunden extra zu zu, oder anders formuliert: in einer Klasse mit 4 I-Kindern sollten 12 Stunden pro Woche beispielsweise 2 Lehrer unterrichten. Da es aber an Lehrern fehlt, weil es sind so viele sehr lange krank, wird erst mal versucht, dieses Loch irgendwie zu stopfen. Womit? Mit Quereinsteigern (das sind kluge Menschen, die was Kluges studiert haben und nun Lehrer werden möchten, es aber noch nicht sind) oder mit PKB-Kräften (das sind auch keine Lehrer, sondern kluge Menschen, die als Honorarkräfte an der Schule arbeiten und ihr Bestes tun). Gefühlt arbeiten an unserer Schule 25% Nicht-Lehrer. Und auch die dürfen dann in den Klassen arbeiten, in denen besonders viele Kinder mit Förderbedarf untergebracht sind. Aber ich schweife schon wieder ab.

Die Situation ist doch die: ces wird etwas „umgesetzt“, das schon bei korrekter Umsetzung fragwürdig umgesetzt wird, wie die Stellungnahme der GEW zeigt.  In der Praxis –  das absolute Chaos auf Kosten der Integrationskinder, der Lehrer und der Mitschüler.

November 20, 2011 / wirkollegen

Baustein-Baustelle

Zu einer richtigen Baustelle gehören natürlich auch Bausteine.
Die gibt’s jetzt auch bei uns, da ja bekanntlich nach PISA jede Schule eine Baustelle ist. Die Schulbaustelle nennt sich jetzt Integrierte Sekundarschule – und wenn man schon umbaut, dann auch richtig. Bei uns heißt das, dass die Schule langsam zu einer Reformschule wird: Freiarbeit, Projekte, jahrgangsübergreifendes Lernen und so. Das ist auch gut so.  Denn eines kann man mit Sicherheit sagen: die herkömmliche Auffassung von Schule  passt zur Lebenswirklichkeit der Schüler wie das Urheberrecht zum Internet.  Soweit so gut.

Eine Säule des Reformkonzepts ist die Freiarbeit, genauer gesagt: in bestimmten Fächern arbeiten die Schüler mit „Bausteinen“, wobei sie sich aussuchen können, welches Thema sie bearbeiten wollen. Wenn fertig mit Baustein, dann Test schreiben, Zertifikat erhalten und nächster Baustein. Also

  • Schüler können eigenes Arbeitstempo wählen,
  • sich irgendwie selbst für ein Thema aus einem Pool entscheiden
  • Lehrer hat in erster Linie beratende Funktion, ist also nicht mehr der Stressmacher
  • Schüler ist für sein Vorankommen selbst verantwortlich
  • ältere Schüler können den jüngeren ggf. helfen

So weit die Theorie.

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass jahrgangsübergreifendes Lernen erst möglich ist, wenn mehrere Jahrgänge nach diesem Konzept unterrichtet werden. Wenn man damit anfängt, geht das schon mal nicht.
Es liegt auch in der Natur der Sache, dass Bausteine nicht vom Himmel fallen, also (von den Lehrern nebenbei) erstellt werden müssen, was bedeutet, dass selbige eher in geringer Zahl vorliegen – Wahlmöglichkeit der Schüler eher nicht gegeben. Das wird verstärkt durch eine natürliche Vorsicht des Lehrkörpers,  erst mal mit einem Baustein anzufangen. De facto machen also alle Schüler das Gleiche. (de facto deshalb, weil einige Schüler ob ihrer neuen Freiheit in der Freiarbeit auch mal gar nichts machen, man kann also auch sagen: etwas anderes)
Da der Jahrgang, mit dem das Ganze beginnt, sozusagen der Testjahrgang ist, werden nun aber in sehr vielen Fächern die Bausteine eingesetzt. Das bedeutet in der Praxis, dass die lieben Schüler manchen Tag 3 Unterrichtsblöcke (also 6 Stunden) lang alleine über ihren Arbeitsbögen brüten. Da nun aber der Lehrer erst mal auch der Lehrer bleibt und aus seiner Rolle auch nicht so recht raus kann oder will, macht er durchaus schon mal Stress, wenn jemand 90min lang gedenkt, eher nichts zu tun.

Wie siehts also bisher aus?

Themenwahl durch die Schüler? Nein.
Eigenes Arbeitstempo? Eher nicht, da irgendwie der Termindruck durch Klassenarbeitstermine bleibt.
Neue Lehrerrolle? Die Kollegen sind bisher nicht unbedingt weniger gestresst, da das Gefühl, dass die Schüler nix tun, unerträglich ist. Druck bleibt also.

Ist für die Schüler etwas besser? Nein.
Bisher nicht. Man sitzt nun vor einem Stapel kopierter Blätter mit Aufgaben.
Und Schüler, die beim Schreiben von Texten einen Fehlerquotienten von 30-40 haben, haben beim Lesen sicher auch einen Fehlerquotienten  von mindestens 10, was dem Textverständnis nicht eben zuträglich ist.

Hab meine Schüler gefragt, wie sie die Bausteinarbeit finden: die Mehrzahl bisher doof. Und wie ich finde,  zu Recht.