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November 20, 2011 / wirkollegen

Baustein-Baustelle

Zu einer richtigen Baustelle gehören natürlich auch Bausteine.
Die gibt’s jetzt auch bei uns, da ja bekanntlich nach PISA jede Schule eine Baustelle ist. Die Schulbaustelle nennt sich jetzt Integrierte Sekundarschule – und wenn man schon umbaut, dann auch richtig. Bei uns heißt das, dass die Schule langsam zu einer Reformschule wird: Freiarbeit, Projekte, jahrgangsübergreifendes Lernen und so. Das ist auch gut so.  Denn eines kann man mit Sicherheit sagen: die herkömmliche Auffassung von Schule  passt zur Lebenswirklichkeit der Schüler wie das Urheberrecht zum Internet.  Soweit so gut.

Eine Säule des Reformkonzepts ist die Freiarbeit, genauer gesagt: in bestimmten Fächern arbeiten die Schüler mit „Bausteinen“, wobei sie sich aussuchen können, welches Thema sie bearbeiten wollen. Wenn fertig mit Baustein, dann Test schreiben, Zertifikat erhalten und nächster Baustein. Also

  • Schüler können eigenes Arbeitstempo wählen,
  • sich irgendwie selbst für ein Thema aus einem Pool entscheiden
  • Lehrer hat in erster Linie beratende Funktion, ist also nicht mehr der Stressmacher
  • Schüler ist für sein Vorankommen selbst verantwortlich
  • ältere Schüler können den jüngeren ggf. helfen

So weit die Theorie.

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass jahrgangsübergreifendes Lernen erst möglich ist, wenn mehrere Jahrgänge nach diesem Konzept unterrichtet werden. Wenn man damit anfängt, geht das schon mal nicht.
Es liegt auch in der Natur der Sache, dass Bausteine nicht vom Himmel fallen, also (von den Lehrern nebenbei) erstellt werden müssen, was bedeutet, dass selbige eher in geringer Zahl vorliegen – Wahlmöglichkeit der Schüler eher nicht gegeben. Das wird verstärkt durch eine natürliche Vorsicht des Lehrkörpers,  erst mal mit einem Baustein anzufangen. De facto machen also alle Schüler das Gleiche. (de facto deshalb, weil einige Schüler ob ihrer neuen Freiheit in der Freiarbeit auch mal gar nichts machen, man kann also auch sagen: etwas anderes)
Da der Jahrgang, mit dem das Ganze beginnt, sozusagen der Testjahrgang ist, werden nun aber in sehr vielen Fächern die Bausteine eingesetzt. Das bedeutet in der Praxis, dass die lieben Schüler manchen Tag 3 Unterrichtsblöcke (also 6 Stunden) lang alleine über ihren Arbeitsbögen brüten. Da nun aber der Lehrer erst mal auch der Lehrer bleibt und aus seiner Rolle auch nicht so recht raus kann oder will, macht er durchaus schon mal Stress, wenn jemand 90min lang gedenkt, eher nichts zu tun.

Wie siehts also bisher aus?

Themenwahl durch die Schüler? Nein.
Eigenes Arbeitstempo? Eher nicht, da irgendwie der Termindruck durch Klassenarbeitstermine bleibt.
Neue Lehrerrolle? Die Kollegen sind bisher nicht unbedingt weniger gestresst, da das Gefühl, dass die Schüler nix tun, unerträglich ist. Druck bleibt also.

Ist für die Schüler etwas besser? Nein.
Bisher nicht. Man sitzt nun vor einem Stapel kopierter Blätter mit Aufgaben.
Und Schüler, die beim Schreiben von Texten einen Fehlerquotienten von 30-40 haben, haben beim Lesen sicher auch einen Fehlerquotienten  von mindestens 10, was dem Textverständnis nicht eben zuträglich ist.

Hab meine Schüler gefragt, wie sie die Bausteinarbeit finden: die Mehrzahl bisher doof. Und wie ich finde,  zu Recht.

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